Literarisches Selfie




Gertie Wagerer:
"Sicher kennen Sie auch diese Momente, in denen alles stimmt innen und außen. Gipfelerlebnisse nannte es Abraham Maslow. Manchmalfallen sie mit bedeutsamen biografischen Ereignissen zusammen: jemand hält um Ihre Hand an, die Prüfung ist geschafft, der Berg bezwungen. Es können aber auch scheinbar ganz unbedeutende Gelegenheiten sein, bei denen jemand wie ich, der gerne fotografiert, die Kamera zücken möchte und zugleich weiß, das Wesentliche kann das Bild nicht festhalten: das Schwingen in der Bauchgegend, den Duft der Föhren, die Gedankenblitze im wohlig-förderlichen Gespräch. Da kam mir die Idee, das doch schreibend festzuhalten und ich nenne diese Momentaufnahmen: "literarische Selfies".

Vor kurzem gab ich diese Gedanken in einer Schreib-Gruppe mit nicht mehr ganz jungen, daher nicht mit Selfie sehr vertrauten TeilnehmerInnen weiter und erlebte Unglaubliches: die literarischen Lebensbilder von sich selbst, die gestaltet wurden, waren beeindruckend für uns Zuhörende. Der Augenblick, als der Sohn mit seiner neugeborenen Tochter "in der Hand" aus dem Kreißsaal kommt; der Augenblick, als eine Dame mit ihrer Tochter auf der Stadtmauer von Sevilla steht oder der Augenblick, als die Schreibende müde und glücklich die letzten Stufen zu ihrer Dachkammer im alten Bauernhof hinaufsteigt.
In einem zweiten Impuls bat ich die TeilnehmerInnen, mit literarischen Selfies von Menschen, die für sie wichtig waren/sind, eine Art Ahnengalerie schreibend zu gestalten Momente, die aus ihrer Sicht typisch für diesen Menschen sind, und das wie ein Foto zu beschreiben. Auch hier war die Freude daran und die Ergebnisse davon erstaunlich.
Literarische Selfies geben anders als der kurze Klick mit dem Handy die Chance, den Moment jetzt oder von damals genauer in den Blick zu nehmen, mit allen Sinnen nachzuspüren, ihn noch einmal "auszukosten" (Ignatius von Loyola). Schreibend ist es daher wichtiger, die Eindrücke zu
benennen und nicht die bei mir entstandenen Wirkungen so können diese auch beim Hörenden/Lesenden entstehen, nach dem Motto: "Show, don t tell". Und so lässt sich dieser besondere Augenblick besser vor dem Vergessen bewahren und bereichert die Erinnerung."

Gertie Wagerer über sich:
Geboren im Weinviertel, im nördlichen Niederösterreich, studierte ich Germanistik und Theologie in Wien und Innsbruck. Nach der Geburt von vier Töchtern kehrte ich in die Schule zurück und unterrichtete Erwachsene, die Pastoralassistent*innen werden sollten, zuletzt auch solche, die in die Behindertenarbeit gehen wollten. Seit meiner Pensionierung engagiere ich mich verstärkt in der Erwachsenenbildung, wo ich früher schon in der Rezension und Vermittlung von Kinderliteratur gearbeitet habe. Ich gestalte Schreibwerkstätten zu biografischen Themen.

Mehr dazu unter:
Großrußbach | www. Bildungshaus.cc | E-Mail: bildungshaus.grossrussbach@edw.or.at
Wien Floridsdorf | www.bildungswerk.at/content/bildungszentrum | E-Mail:
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